„Ich habe Heine klatschen gehört.“ – Führung am Heinrich-Heine-Monument von Bert Gerresheim

Der Künstler und sein langjähriger Assistent Francisco Ces Hernandez zusammen mit Heine-Führerin Simone Pohlandt vor dem von ihm geschaffenen Heine-Denkmal am Schwanenmarkt in Düsseldorf. Foto: Stefan Klemens

Ein Gastbeitrag von Stefan Klemens

Von Düsseldorf nach Paris – so hieß die Heine-Führung von Simone Pohlandt, die am 18. Oktober 2020 um 16 Uhr am Heine-Denkmal von Bert Gerresheim auf dem Schwanenmarkt in Düsseldorf stattfand. Er habe Heine klatschen gehört, sagte der Bildhauer am Ende der Veranstaltung.

85. Geburtstag von Bert Gerresheim

Bei trockenem, herbstlichem Wetter versammelten sich 15 Menschen am Heine-Denkmal von Bert Gerresheim auf dem Schwanenmarkt in Düsseldorf, um an einer besonderen Heine-Führung von Simone Pohlandt teilzunehmen: »Von Düsseldorf nach Paris«, so der Titel, offenbarte den Teilnehmern, darunter Gerresheim selbst, profunde Einblicke in das Leben, Lieben und Leiden des Schriftstellers, der vermutlich 1797 in Düsseldorf geboren wurde und aufwuchs, sowie die Konflikte, ihm ein Denkmal zu setzen. Anlass dieser Führung war der 85. Geburtstag des Bildhauers Bert Gerresheim und der ihm gewidmeten Ausstellung im Stadtmuseum.

Antworten fand Simone Pohlandt in ihrer abwechslungsreichen Führung auf folgende Fragen: Wie kam es überhaupt dazu, dass der bereits in jungen Jahren berühmte, deutsche Dichter 25 Jahre seines Lebens in Paris verbrachte und dort auch begraben wurde? Welche Gründe trieben ihn in die Hauptstadt Frankreichs? Was erlebte er in den Jahren zwischen 1831 und 1856? Und wie passt hierzu das von Bert Gerresheim 1981 geschaffene ungewöhnliche Bronze-Denkmal am Schwanenmarkt in Düsseldorf?

Denkmäler für Heinrich Heine

Los ging es mit dem Thema der »Denkmalsetzungen« für Heinrich Heine, die seit seinem Tod 1856 eher eine Verhinderung von Denkmalen gewesen sei. Angefangen mit dem ersten Denkmal, das die österreichische Kaiserin Sisi in Auftrag gab, und seinen Weg über Korfu nach Hamburg und von dort ins französische Toulon fand, bis hin zum umstrittenen Werk von Bert Gerresheim in Düsseldorf. Der zerbrochene Kopf des Dichters, genauer: seine Totenmaske, führte zu heftigen Diskussionen in der Presse und unter Düsseldorfs Bürgern. Denn die künstlerische Umsetzung der Person Heinrich Heines in dieser begehbaren Bronze-Skulptur erschließt sich ohne eine tiefer gehende Betrachtung nicht – was auch Heine-Führerin Simone Pohlandt erlebte, als sie es zum erstem Mal sah. Was wollte Gerresheim? Seine Absicht war es, die innere Zerrissenheit des Dichters in Bezug auf sein Vaterland, seine fortwährende Liebe zu den Frauen sowie sein körperliches Leiden in den späteren Jahren der so genannten »Matratzengruft« näher zu bringen.

Die interessierte Gruppe lauscht den Ausführungen von Simone Pohlandt. Foto: Klemens

Heines Stationen in Deutschland

Die Spurensuche in den Details des Denkmals beginnt, als der junge Harry (so sein Geburtsname) den Einzug von Napoleon Bonaparte 1811 in Düsseldorf erlebt und in dieser Zeit die revolutionären Veränderungen sieht, die dieser in Frankreich und in den besetzten Gebieten wie dem Rheinland, veranlasste. Hautnah prägen Heine somit früh die Ideale der Französischen Revolution. Doch auch seine zweite Leidenschaft, die Liebe zu den Frauen, findet in der Jugendliebe zur rothaarigen Tochter eines Scharfrichters ihren Anfang am Rhein.

Auf seinen vielen Stationen in Deutschland, nachdem er als 18-jähriger Düsseldorf verließ, in Hamburg seine kaufmännische Ausbildung absolvierte und an unterschiedlichen Orten Jura und Literatur studierte, suchte er immer die Nähe zum weiblichen Geschlecht – nicht nur aus der intellektuellen Kreisen, sondern auch im Arbeitermilieu und – wie damals üblich – bei den professionellen Damen. Trotz dieser Liebesdienste: Heine fühlte sich aufgrund seiner jüdischen Herkunft und seines melancholischen Gemüts zunehmend isoliert und verloren in Deutschland.

Die Geschichtskenner unter uns ahnen, was dem Freigeist, Juden und Kritiker der Obrigkeit das Leben schwer machte: Nach der endgültigen Niederlage von Napoleon 1815 setzten die Monarchen von Preußen, Österreich, Russland und Großbritannien das Hauptziel des Wiener Kongresses mit aller Gewalt um: Die Restauration, also die Wiederherstellung der vom Adel beherrschten Ordnung. Doch der Geist der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit war aus der Flasche und äußerte sich in kritischen Schriften und Forderungen nach Veränderungen – und schließlich auch 1848 in der Märzrevolution der deutschen Länder. Mit Zensur und drastischen Folgen bei Verstößen, wie Bücherverbot und Festungshaft, unterdrückte die Obrigkeit die Freiheitswünsche des neuen Bürgertums und der Arbeiterschaft.

Heines Leben in Frankreich

Dies traf den Dichter mit der »scharfen Zunge«, der vergeblich zuvor versucht hatte, seinen Platz als Literaturprofessor an der Universität München zu finden, natürlich ins Mark. So beschloss er 1831 nach Paris, in die politische und kulturelle Welthauptstadt dieser Zeit zu reisen. Heine erlebte die Einfahrt mit der Kutsche durch den Triumphbogen Porte Saint-Denis als einen der bedeutendsten Augenblicke seines Lebens: »Ich fand alles so amüsant, und der Himmel war so blau und die Luft so liebenswürdig, so generös, und dabei flimmerten noch hie und da die Lichter der Julisonne … «.

Die Stadt wird für Heine zu einem Ort, in dem er seine »Liebe für schöne Frauen und die Liebe für die französische Revolution« auskostet, und so schreibt er 1832 an den Komponisten Ferdinand Hiller: »Fragt Sie jemand, wie ich mich hier befinde, so sagen Sie: wie ein Fisch im Wasser. Oder vielmehr, sagen Sie den Leuten, dass, wenn im Meere ein Fisch den anderen nach seinem Befinden fragt, so antworte dieser: ich befinde mich wie Heine in Paris.«

Schnell findet der Schriftsteller durch seine geistreiche Art und seiner Bekanntheit Zugang zum gesellschaftlichem Leben in den Salons der französischen Hauptstadt: Er trifft viele berühmte Menschen wie die hinreißende Autorin George Sand und die Salonnière Caroline Jaubert, daneben die angesagtesten Musiker, Schriftsteller, Bankiers und Politiker. Auch die Liebe seines Lebens findet er dort: Augustine, die er Mathilde nennt, eine 18-jährige, lebenslustige Frau aus der Arbeiterschicht, die seine spätere Ehefrau wird. Die Beziehung ist aufgrund der unterschiedlichen Charaktere von Spannungen geprägt, die sich jedoch immer wieder in Versöhnungen auflösen.

Simone Pohlandt rezitierte am Denkmal aus Heines Werken. Foto: Klemens

Aktuelle Bezüge zu unserer Zeit

Mit hoher fachlicher Expertise sowie Gedichteinlagen und rezitierten Gedanken des Dichters – zum besseren Verständnis durch einen tragbaren Lautsprecher verstärkt – nahm Simone Pohlandt die Teilnehmer mit auf eine einzigartige Reise. Mit ihrem emotionalen Spiel, mal heiter und lustvoll, mal ernst und traurig, berührte sie das Hirn und Herz der Teilnehmer.

Wenn auch auf Sie das Feuer der Freiheit und der Leidenschaft übergesprungen ist, dann erleben Sie doch selbst bei einer Heine-Führung den Zauber der Poesie von Heine. Denn wie uns Goethe ans Herz legt: »Grau ist alle Theorie, und Grün des Lebens Goldener Baum«. Oder mit Heine: »Das ist der Bücher tiefster Sinn«. Tauchen Sie ein in eine andere Welt – mit sehr aktuellen Bezügen zu unserer Zeit!

Weitere Informationen, Termine und Videos zu den Heinrich-Heine-Führungen in Düsseldorf finden Sie auf dieser Webseite. Bis zum 03. Januar 2021 können Sie zudem die Ausstellung „Bert Gerresheim. Geschichten“ im Stadtmuseum Düsseldorf besuchen. Die ganze Geschichte mit vielen Details rund um das Heine-Denkmal lesen Sie im Buch von Simone Pohlandt (2016). Die Heinrich-Heine-Denkmäler von Bert Gerresheim. Düsseldorf: Grupello Verlag. Es ist im Buchhandel nicht mehr lieferbar, doch Sie können es direkt bei der Autorin erwerben.

Ich danke Stefan Klemens, Dipl.-Psychologe, Autor und People & Digital HR Analyst sehr herzlich für seinen Gastbeitrag.

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