Paris: „Pantheon der Lebenden“

Im Alter von 33 Jahren zog Heinrich Heine nach Paris. Mit 850.000 Einwohnern war Paris die zweitgrößte Stadt der Welt. Die damals größte Stadt war London mit 1,8 Millionen Einwohnern. Heine besuchte die Metropole bereits 1827. Im Gegensatz zum verschlafenen Deutschland der Restaurationszeit fand Heine in Paris ein ausgesprochen urbanes und reichhaltiges kulturelles Leben vor, das er in vollen Zügen genoß. Der deutsche Schriftsteller wurde schnell in die führenden Kreise der Stadt aufgenommen und kannte in Paris bald das „Who is who“.

Zu Heines Bekanntenkreis zählten die – im wahrsten Sinne des Wortes – tonangebenden Musiker seiner Zeit wie Hector Berlioz, Frédéric Chopin, Franz Liszt, Giacomo Meyerbeer und Gioacchino Rossini. Enge Kontakte pflegte er ebenso zu den französischen Romantikern wie Théophile Gautier, Alfred de Vigny, Honoré de Balzac, Victor Hugo, Pierre-Jean de Béranger und Alexandre Dumas. Besonders von den intellektuellen Frauen fühlte er sich hingezogen, vor allem zu George Sand, die er mit Cousine anredete, und zur italienischen Politikerin Prinzessin di Belgiojoso. Durch sein Talent zur geistreichen Geselligkeit war Heine ein gern gesehener Gast in ihren literarischen Salons. Auch bei den Abendgesellschaften des Baron James Meyer de Rothschild war er oft zugegen, da dessen Frau Betty eine begeisterte Heine-Leserin war. Heinrich Heine konnte sich somit selbst zu den „geistigen Notabilitäten“ von Paris rechnen.

Heinrich Heine: Paris, die schöne Zauberstadt

Während aber Bedrängnisse und Nöthen aller Art das Innere des Staates durchwühlen, und die äußern Angelegenheiten, seit den Ereignissen in Italien und Don Pedros Expedizion, bedenklich verwickelter werden; während alle Instituzionen, selbst die königlich höchste, gefährdet sind; während der politische Wirrwarr alle Existenzen bedroht: ist Paris diesen Winter noch immer das alte Paris, die schöne Zauberstadt, die dem Jüngling so holdselig lächelt, den Mann so gewaltig begeistert, und den Greis so sanft tröstet. Hier kann man das Glück entbehren, sagte einst Frau v. Staël, ein treffendes Wort, das aber in ihrem Munde seine Wirkung verlor, da sie sich lange Zeit nur deßhalb unglücklich fühlte, weil sie nicht in Paris leben durfte, und da also Paris ihr Glück war. So liegt in dem Patriotismus der Franzosen größtentheils die Vorliebe für Paris, und wenn Danton nicht floh, »weil man das Vaterland nicht an den Schuhsohlen mitschleppen kann,« so hieß das wohl auch, daß man im Auslande die Herrlichkeiten des schönen Paris entbehren würde. Aber Paris ist eigentlich Frankreich; dieses ist nur die umliegende Gegend von Paris. Abgerechnet die schönen Landschaften und den liebenswürdigen Sinn des Volks im Allgemeinen, so ist Frankreich ganz öde, auf jeden Fall ist es geistig öde, Alles, was sich in der Provinz auszeichnet, wandert früh nach der Hauptstadt, dem Foyer alles Lichts und alles Glanzes. Frankreich sieht aus wie ein Garten, wo man alle schönsten Blumen gepflückt hat, um sie zu einem Strauße zu verbinden, und dieser Strauß heißt Paris. Es ist wahr, er duftet jetzt nicht mehr so gewaltig, wie nach jenen Blüthetagen des Julius, als die Völker von diesem Dufte betäubt wurden. Er ist jedoch noch immer schön genug, um bräutlich zu prangen an dem Busen Europas. Paris ist nicht bloß die Hauptstadt von Frankreich, sondern der ganzen civilisirten Welt, und ist ein Sammelplatz ihrer geistigen Notabilitäten. Versammelt ist hier Alles, was groß ist durch Liebe oder Haß, durch Fühlen oder Denken, durch Wissen oder Können, durch Glück oder Unglück, durch Zukunft oder Vergangenheit. Betrachtet man den Verein von berühmten oder ausgezeichneten Männern, die hier zusammentreffen, so hält man Paris für ein Pantheon der Lebenden. Eine neue Kunst, eine neue Religion, ein neues Leben wird hier geschaffen, und lustig tummeln sich hier die Schöpfer einer neuen Welt. Die Gewalthaber gebärden sich kleinlich, aber das Volk ist groß und fühlt seine schauerlich erhabene Bestimmung. Die Söhne wollen wetteifern mit den Vätern, die so ruhmvoll und heilig ins Grab gestiegen. Es dämmern gewaltige Thaten, und unbekannte Götter wollen sich offenbaren. Und dabey lacht und tanzt man überall, überall blüht der leichte Scherz, die heiterste Mokerie, und da jetzt Karneval ist, so maskiren sich Viele als Doktrinaire, und schneiden possirlich-pedantische Gesichter, und behaupten, sie hätten Furcht vor den Preußen.

Artikel III aus Französische Zustände

Lust auf mehr?

Dann besuchen Sie meine nächste Heine-Tour durch Düsseldorf.

Weiterlesen

Gerhard Höhn/Christian Liedtke: Auf der Spitze der Welt. Mit Heine durch Paris, Hamburg 2010.

Das Büchlein von etwas mehr als 120 Seiten gibt einen knappen, aber reichhaltigen Überblick über Heines Leben und Wirken in Paris.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.