Zwischen Modeboutique und Double Whopper: Heinrich Heines Geburtshaus auf der Bolkerstraße – Teil 2/2

Autorin Simone Pohlandt vor einer Heine-Büste von Arnold Frische, die den Vortragssaal des Heine-Hauses ziert. Foto (privat): Hans-Peter Skala

Ab den 1970er Jahren verbesserte sich allmählich die Lage des Heine-Gedenkens in Düsseldorf. Mit der Eröffnung des Heine-Museums auf der Bilker Straße wurde am 13. Dezember 1974 der Grundstein für die Musealisierung Heines gelegt. Sie sorgte für eine nachhaltige Aufklärung über Person und Werk des stark umstrittenen Dichters.

Auf der Bolkerstraße entstanden in den 1980er Jahren neue Formen der Heine-Erinnerung. Lesen Sie hier den zweiten Teil meiner Reihe über längst vergessene, verschwundene und umgebaute Heine-Stätten in Düsseldorf. Der Artikel beleuchtet die wechselhafte Geschichte des Geburtshauses von Heinrich Heine.

1. Der Heine-Brunnen in der Mata-Hari-Passage

Im Bereich des Hinterhauses befand sich zu dieser Zeit die »Mata-Hari-Passage« mit verschiedenen Modeboutiquen. 1984 initiierten der Besitzer der Ladenpassage, Heinz Cremer (1924-2001), und die Heine-Gesellschaft einen Heine-Brunnen aus den verbliebenen Backsteinen der Heine-Zeit. Die Anlage wurde mit dem Nachguss der Heine-Büste von Arnold Frische und einem Großdruck des Gedichts »Mein Kind, wir waren Kinder« umrahmt, das Heine für seine Schwester Charlotte schrieb. Der Brunnen wurde Ende 2001 geschlossen. Seit 2004 gehört der ehemalige Bereich der »Mata-Hari-Passage« zur Fastfoodkette »Burger King«. Hier gibt es nun Double Whopper statt »doppelte Poesie« (Harzreise).

2. Das Schnabel von Jörg Wirbelauer

1990 geschah schließlich das Wunder: Joachim Weidenhaupt verkaufte der Stadt Düsseldorf das Heine-Haus für etwas mehr als vier Millionen D-Mark, unter der Bedingung, dass er lebenslanges Wohnrecht erhält. Der betagte Herr wohnt dort noch heute. Zwei Jahre später eröffnete der Gastronom und Germanist Jörg Wirbelauer im Erdgeschoss eine Literaturkneipe, das »Schnabelewopski« – liebevoll »Das Schnabel« genannt. Es war ein beliebter Treffpunkt und Veranstaltungsort für die Düsseldorfer Literaturszene mit Frühstückslesungen und Autoren wie John Linthium und Alexander Nitzberg. Unschöne Querelen im Vorfeld des Heine-Schumann-Jahres führten jedoch zur Schließung des Lokals und der Wirt hat im November 2011 noch einmal ein Restaurant in Köln eröffnet, welches inzwischen nicht mehr zu bestehen scheint.

3. Die Literaturhandlung Müller & Böhm zieht ein

Am 17. Februar 2006 eröffnete stattdessen die »Literaturhandlung Müller & Böhm« im Heine-Haus, das grundlegend renoviert worden war. Mit bekannten Autoren wie Durs Grünbein, Eva Menasse, Connie Palmen oder Cees Nooteboom bietet die Literaturhandlung ein anspruchsvolles literarisches Veranstaltungsprogramm. Der Vortragssaal befindet sich just an derselben Stelle des ehemaligen Hinterhauses, indem die Geburtsstätte des Dichters vermutet wird. Doch ein auratischer Ort des Heine-Gedenkens möchte das Buchhaus nicht sein. Allein die Bronzebüste und die noch immer vorhandenen Backsteine weisen auf Heine hin, und der Esprit, der die Lesungen würzt.

4. Was hätte Heine dazu gesagt?

Heinrich Heine mag eine solch kuriose Geschichte geahnt haben, als er folgendes schrieb, und dabei zugleich die gewinnbringende Nutzung seines Geburtshauses im Blick hatte:

»Dieses Haus wird einst sehr merkwürdig seyn, und der alten Frau, die es besitzt, habe ich sagen lassen, daß sie bey Leibe das Haus nicht verkaufen solle. Für das ganze Haus bekäme sie jetzt doch kaum so viel wie schon allein das Trinkgeld betragen wird, das einst die grünverschleyerten, vornehmen Engländerinnen dem Dienstmädchen geben, wenn es ihnen die Stube zeigt, worin ich das Licht der Welt erblickt, und den Hühnerwinkel, worin mich Vater gewöhnlich einsperrte, wenn ich Trauben genascht, und auch die braune Thüre, worauf Mutter mich die Buchstaben mit Kreide schreiben lehrte – ach Gott! Madame, wenn ich ein berühmter Schriftsteller werde, so hat das meiner armen Mutter genug Mühe gekostet.«

Heinrich Heine, Ideen. Das Buch Le Grand

Zum Weiterlesen: Mata-Hari-Passage

Bildliche Eindrücke vom Heine-Brunnen erhalten Sie auf der Webseite des Düssel Flaneurs in seinem Beitrag: Düsseldorfs meistvermisster Erinnerungsort der 1980er von Sebastian Brück

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