Seismograph der Zeit. Heinrich Heine zum 165. Todestag

Gestern feierte Düsseldorf gleich drei Jubiläen rund um seinen großen Sohn Heinrich Heine. Der 165. Todestag erinnerte an die Leidenszeit des Dichters in der Agonie seiner „Matratzengruft“, die auch das Thema der 7. Folge von #HeineLesen ist. Mit einer Buchvorstellung und Lesung legte die Heinrich-Heine-Gesellschaft den Fokus auf Heines autobiographische Schriften. Zugleich gestattete der Fernsehbeitrag des Journalisten Andreas Turnsek in der Düsseldorfer Lokalzeit des WDR einen zeitübergreifenden Rückblick auf das Heinrich-Heine-Monument in Düsseldorf, das der Öffentlichkeit 1981 übergeben wurde und nunmehr seit 40 Jahren auf dem Schwanenmarkt steht. Schlussendlich ist Heines Todestag auch mit der Wiedereröffnung seines Geburtshauses im Heine-Schumann-Jahr 2006 verknüpft. Die Literaturhandlung Müller & Böhm feierte ihr 15jähriges Bestehen im Heine-Haus mit einer Plakataktion in der Stadt und einem filmischen Rückblick auf seine Gäste und Veranstaltungen.

Plakataktion zum 15jährigen Jubiläum der Literaturhandlung Müller & Böhm im Heine-Haus. Foto: SP

Um die Freiheit des Subjekts ging es ab 18 Uhr in einem internen ZOOM-Meeting der Mitglieder der Heinrich-Heine-Gesellschaft. Christian Liedtke, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Heinrich-Heine-Instituts, stellte seine Neuerscheinung in Heines Stammverlag Hoffmann & Campe vor: „Das Märchen meines Lebens“ – Poetische Selbstporträts. Das Buch enthält eine Auswahl von autobiographischen Texten Heines, wie z.B. einen seltenen Vollabdruck des Memoirenfragements, das zumeist nur in Sammelbänden erhältlich ist. Doch auch abgelegene Textstellen sind darin verzeichnet, die nur durch intensive Heine-Lektüre ins Blickfeld rücken. Die Lesung einiger Textauszüge zeigte, wie sehr Heines subjektive Schreibweise auch heute noch die Empfindungen des Publikums anspricht und die Herzen berührt, wiewohl Heine seine Texte auf diese Wirkung hinzielend verfasste.

Das neue Buch über Heines Selbstporträts. Quelle: Verlagshomepage

Auch über Heines Autorverständnis geben seine autobiographischen Schriften interessanten Aufschluss. Es ist bekannt, dass Heine seine persönliche Lebensgeschichte stets in den größeren Kontext der überindividuellen Geschichtsschreibung stellte. Liedtke bezeichnete Heinrich Heine gar als Seismographen der Zeit, der die Erschütterungen in Politik, Gesellschaft und Kultur seiner Zeit in sich aufnahm und in seinen literarischen Werken Stellung bezog.

Als wäre es abgesprochen gewesen, verlas er zum Abschluss seiner Ausführungen ebenjenes Gedicht aus dem Zyklus „Zum Lazarus“, welches ich für meine 7. Folge der #HeineLesen-Reihe ausgewählt hatte. Von der Zeitgeschichte verlagert sich darin der Fokus auf die Tages- und Nachtzeit, die zur bestimmenden Konstante des bettlägerigen Dichters wird.

Wie langsam kriechet sie dahin,
Die Zeit, die schauderhafte Schnecke!
Ich aber, ganz bewegungslos
Blieb ich hier auf demselben Flecke.

Die Originalhandschrift des Gedichts in der digitalen Werkausgabe. Quelle: www.heine-portal.de

Gegen 19:52 Uhr sendete die Lokalzeit Düsseldorf einen Beitrag über „40 Jahre Heine-Denkmal“. Der Film zeigt alte Aufnahmen aus der Entstehungsgeschichte des „Fragemals“ und interviewt den 85-jährigen Künstler Bert Gerresheim, der noch heute eine enge Beziehung zu seinem ersten und recht kontroversen Kunstwerk im öffentlichen Raum hat.

Bert Gerresheim in der Lokalzeit Düsseldorf am 17.2.2021. Foto: Screenshot

Heinrich Heine fasziniere ihn als Grenzfigur an der Schwelle von Klassik, Romantik und Moderne. Das Denkmal solle Heine nicht feiern, sondern seine Widersprüchlichkeit spürbar machen. Nur von einer Seite zeige sich ein geschlossenes Bild, sofern der Betrachter ein solches sucht, doch beim Nähergehen zerfalle Heine in Widersprüchlichkeiten, so Gerresheim zu seiner Arbeit.

Als weitere Mitwirkende machte ich als Stadtführerin auf die unmittelbare Rezeption nach der Denkmalsübergabe aufmerksam, die in der reichhaltigen Presseausschnittssammlung des Heine-Instituts dokumentiert ist. Die Kinder hatten einen leichteren Zugang zum Monument als die befangenen Erwachsenen, denen eine klassische Dichterehrung vorschwebte.

Simone Pohlandt in der Lokalzeit Düsseldorf am 17.2.2021. Foto: Screenshot

Auch Christian Liedtke vom Heine-Institut betonte das ungewöhnliche Aussehen des Denkmals, an dem man eben nicht vorbeigehen könne, ohne stehenzubleiben. Gerresheims Arbeit zähle nicht zu den unsichtbare Denkmalen, die Robert Musil angesichts der ausufernden Denkmalsflut des späten 19. Jahrhunderts kritisierte. Für Heine-Liebhaber aus aller Welt, sei das Heine-Monument jedenfalls ein Anziehungspunkt, so Turnsek in seinem Fernsehbeitrag. Er dokumentierte abschließend eine Rezitation der aktuellen Düsseldorfer Heine-Stipendiatin Ildana Gataullin aus Russland. Sie zitierte aus dem XXXI. Kapitel aus der Reise von München nach Genua und stellte Heines publizistischen Kampf für die Freiheits- und Menschenrechte heraus:

„Ich habe nie großen Werth gelegt auf Dichter-Ruhm, und ob man meine Lieder preiset oder tadelt, es kümmert mich wenig. Aber ein Schwert sollt Ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war ein braver Soldat im Befreyungskriege der Menschheit.“

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