McDonalds versus Hochkultur: Heinrich Heines Geburtshaus auf der Partymeile von Düsseldorf

Das „Heine Haus“ in der Düsseldorfer Altstadt befindet sich fest im Griff amerikanisch-britischer Fast-Food-Ketten. 2005 zog Burger King in einen Teil der ehemaligen Mata-Hari-Passage ein. 2015 eröffnete KFC im ehemaligen „Hühner-Hugo“. 2022 soll nun auch McDonalds in Heines Nachbarschaft ziehen, und zwar in das ehemalige Wohnhaus der Familie Heine auf der Bolkerstraße 42. Pikant, denn das Geburtshaus Heinrich Heines in der Bolkerstraße 53 befindet sich direkt gegenüber! Seit 2006 beherbergt es die Literaturhandlung Müller & Böhm, die für ihren hochkarätigen Gäste aus Kunst, Literatur und Philosopie bekannt ist.

Wie die Heines auf der Bolkerstraße lebten und wie sich die Altstadt zur Partymeile entwickelte, lesen Sie in diesem Beitrag.

McDonalds in der Düsseldorfer Altstadt

Die McDonalds-Filiale an der Neustraße 16 befindet sich in bester Lage: direkt am U-Bahnhof „Heinrich-Heine-Allee“ bildet sie das Eingangstor zur Altstadt. Seit ihrer Eröffnung im Jahr 1976 ist sie die bestbesuchte McDonalds-Filiale in Düsseldorf und zugleich ein beliebter Treffpunkt für Verabredungen. Am 13. Juli 2022 wird sie geschlossen.

Heines Vater führte auf der Bolkerstraße von 1797 bis 1820 sein Modegeschäft

Die Bolkerstraße war zu Heines Zeit eine vornehme Einkaufsstraße mit mehreren Modegeschäften. Sie war damals die „Kö“ von Düsseldorf, als es die heutige Königsallee noch gar nicht gab. Im Vorderhaus der heutigen Bolkerstraße 53 eröffnete Samson Heine sein Modegeschäft am 6. Juni 1797. Er war auf englische Manufakturwaren und Luxusgüter spezialisiert. Die Familie Heine wohnte im Hinterhaus. Geschäfts- und Wohnräume mietete sie von einer entfernten Verwandten der mütterlichen Familie. Als Harry Heine 11 Jahre alt war, kauften die Heines das repräsentative Bürgerhaus in der Bolkerstraße 42 für 11.200 Reichstaler. Sie lebten dort von November 1809 bis Januar 1820.

Samson Heine veröffentlichte im Dezember 1809 eine ausführliche Anzeige in den „Großherzoglichen Bergischen wöchentlichen Nachrichten“ und verkündete stolz die Vergrößerung seines Warensortiments: „Alle Sorten von Kattunen, Zitzen, Kalikos, breite, schmale, gestreifte, brodierte und broschierte Mousline (…) Alle Arten Barchend, Dimitrys, Batisten. Schwarze, als auch in allen Farben Tafftetas, double Florence, brodiert und broschiert nach der neuesten Mode.“

Darüber hinaus führte er Haushalts-, Betten- und Lederwaren und sogar Mobiliar. Bei Heine Vater konnte man fast alles bekommen. Er war ein Großhändler mit einem beträchtlichen Geschäftsvolumen und weitreichenden Handelsbeziehungen von England bis in die Schweiz. Er war besonders auf den Einkauf spezialisiert und ein großer Liebhaber hochwertiger Stoffe und Luxusgüter. Nur der Absatz seiner Waren bereitete ihm Schwierigkeiten, denn er besaß nicht die Gabe, sich neue Absatzmöglichkeiten erschließen. In der großen Finanz- und Wirtschaftskrise, die ab 1810 einsetzte, geriet sein Warenhandel in erste finanzielle Schwierigkeiten.

Heines erste Liebe im Elternhaus

Für den jungen Harry Heine, wie er damals noch hieß, war das Wohnhaus auf der Bolkerstraße 42 zugleich der Ort einer besonderen Begegnung. Im Jahr 1814 verliebte er sich in seine Hamburger Cousine Amalie, die gerade 14-jährig war, Harry dagegen schon 16-jährig. Samsons Bruder, der reiche Salomon Heine aus Hamburg, war mit seinen drei ältesten Töchtern in Düsseldorf eingekehrt. Der Familienrat tagte über die Zukunft des jungen Harry Heine, der das väterliche Geschäft übernehmen sollte. Bevor er den Besuch des Lyzeums (Gymnasium) mit der Reifeprüfung beenden konnte, bereitete man ihn auf eine kaufmännische Ausbildung vor. Harry interessierte sich derweilen nur für Amalie und Literatur, fügte sich jedoch dem Wunsch seiner Eltern und Verwandten. Zwei Jahre lang schmachtete er nach ihr, besuchte eine Handelsschule, machte Volontariate in Frankfurt und begann schließlich im Juni 1816 seine Lehre im Kontor des Bankhauses von Salomon Heine. Nur gelegentlich wurde er jedoch auf das private Anwesen des Onkels eingeladen. Seine Liebe wurde nicht erwidert. Er goss sie in Literatur. Amalie wurde zur Muse seiner frühen Liebeslyrik, wie Laura für Petrarca.

Im Januar 1820, als Harry bereits in Bonn studierte, verließen die Heines Düsseldorf für immer. Sie zogen nach Norddeutschland, wo Samson Heine Kuraufenthalte für seinen angeschlagenen gesundheitlichen Zustand in Anspruch nahm. Das Wohnhaus wurde an Johann Anton Joseph Bender verkauft, dem Besitzer „Zum Heidelberger Faß“, das heutigen Uerige.

Die Heine-Häuser nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Düsseldorfer Altstadt war durch die Bombardements im Zweiten Weltkrieg zu etwa 90 Prozent zerstört. Auch die Heine-Häuser in der Bolkerstraße 53 und 42 wurden stark beschädigt und erst langsam wieder aufgebaut. Die Bäckerei Weidenhaupt nahm ihren Betrieb 1951 im Heine-Haus, Bolkerstraße 53, wieder auf und führte ihn bis 1980. Die Stadt Düsseldorf versuchte Anfang der siebziger Jahre vergeblich, das Haus oder vielmehr das Grundstück, auf dem Heinrich Heine und seine drei Geschwister Charlotte, Gustav und Maximilian das Licht der Welt erblickt hatten, zu erwerben.

Die damalige Besitzerin hatte jedoch andere Pläne: zum einen erhielt sie lukrative Angebote mehrerer Brauereien, zum anderen sollte Joachim Weidenhaupt das Haus erben. Dies geschah 1975 und ab 1981 verpachtete er das Erdgeschoss an die Hannen-Brauerei. Es entstand „Heines Bierakademie“, jedoch bar jedweder literarischen Ambition.

Das Wohnhaus der Familie Heine in der Bolkerstraße 42 wurde 1959 niedergelegt und 1960 neu errichtet. Die Steakhouse-Kette Maredo, 1973 in Düsseldorf gegründet, war dort bis Herbst 2020 ansässig und ging als wirtschaftlich bereits angeschlagenes Unternehmen im sogenannten „Lockdown light“ insolvent. Ihren Platz wird nun die Fast-Food-Kette McDonalds einnehmen.

McDonalds eröffnet in Kürze. Foto von Mitte März 2022.

Aus der Bolkerstraße wird die „längste Theke der Welt“

Bis in die 50er Jahre hinein war die Altstadt hauptsächlich ein Wohnviertel. In den sechziger Jahren setzte langsam ein Wandel ein, sodass die Bolkerstraße bereits 1971 den Beinamen „längste Theke der Welt“ erhielt und 200 Restaurants, Kneipen und Diskotheken zählte (heute sind es 300). Das Altbierlied aus der Karnevalssaison 1978/79 machte den Beinamen auch überregional bekannt, zumal durch die Punk-Version der Toten Hosen aus dem Jahr 1986. Seitdem zieht die Bolkerstraße trink- und feierfreudige Menschen aus der ganzen Welt an. Spätestens seit 2012 zeigten sich auch die Schattenseiten der „Mallorcanisierung“. Steigendes Aggressionspotential in den späten Abendstunden: Körperverletzungen, Straßenraub, Schlägereien und einzelne Todesfälle.

Was läuft schief in der Düsseldorfer Altstadt?

Diese Frage beschäftigte den Journalisten Benjamin Sartory in seinem Radiobeitrag vom 9. März 2022: Wie verträgt sich der Geburtsort von Heinrich Heine, wo die neueste deutsche Literatur zuhause ist, mit der umgebenden Welt der Schnellrestaurants und Ballermann-Diskotheken?

Hören Sie sich die Aufzeichnung vom „WDR 5 Morgenecho: Westblick am Morgen“ an!

Dauer: 3:24 Minuten. Der Beitrag ist bis 2023 abrufbar.

Update am 4. August 2022: Die neue McDonalds-Filiale hat seit 19. Juli 2022 geöffnet.

Weiterlesen

Hühner Hugo eröffnet heute als KFC, in: Solinger Tagblatt 22.9.2014

Eine Chronik der Gewalt in der Altstadt, in: Rheinische Post 7.7.2014

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