Werkstattnotizen: Wie Bert Gerresheim sein Heinrich-Heine-Denkmal schuf

Broschüre der Landeshauptstadt Düsseldorf anlässlich der Errichtung des Heinrich-Heine-Monuments

Vor mehr als 40 Jahren wurde das Heinrich-Heine-»Fragemal« auf dem Schwanenmarkt in Düsseldorf der Öffentlichkeit übergeben. Zweieinhalb Jahre lang arbeitete der Künstler Bert Gerresheim intensiv an seinem Monument. Seinen Arbeitsprozess legte er 1981 in einer Werkstattnotiz offen. Sein Bericht zeugt von einer intellektuellen und künstlerischen Auseinandersetzung, die nicht nur um Heinrich Heine kreist, sondern auch um die Frage, wie die anachronistisch gewordene Kunstgattung Denkmal von Grund auf erneuert werden kann.

Bert Gerresheim hat es sich nicht leicht gemacht, und auch die Düsseldorfer hatten es nicht leicht mit seinem Heinrich-Heine-Monument. Die Werkstattnotiz ist ein interessantes Zeitdokument, um die Gedankengänge und Arbeitsweisen des Künstlers nachzuvollziehen. Der Heine-Blog veröffentlicht die Werkstattnotiz und gratuliert Bert Gerresheim zu seinem 87. Geburtstag.

Das Heinrich-Heine-Monument von Bert Gerresheim in Düsseldorf

Bert Gerresheim

Die Plastik als Protokoll der Wahrnehmung

Werkstattnotizen zur Entstehung des Vexiermonuments

»Heinrich Heine ist ein Plural … eine Vexieranthologie ließe sich zusammenstellen aus den widersprüchlichsten Zeugenaussagen«, sagte F. J. Raddatz. Hier liegt der Ansatz zu einem Vexiergesicht.

Das Vexieren kennzeichnet eine manieristische, surrealistische Arbeitsmethode. Sie bedeutet das Aufbrechen verfestigter Normen, Bildvorstellungen, Klischees und verabredeter Profile – also ein Freisetzen von möglichen Perspektiven. Auf die Plastik bezogen: Mehrdeutigkeit der Form – Austauschbarkeit und Versetzen von Volumenformen, Schnitte, Brüche, Dislokation.

Wenn aber ein Gesicht »die Summe unendlicher Profile und Perspektiven« ist (Rodin) und wenn »die Entfernung zwischen dem einen Nasenflügel und dem anderen wie die Sahara« ist (Giacometti), dann geht es um ein Wahrnehmungsproblem, und die Arbeit an einem plastischen Protokoll wird zu einem Wahrnehmungsprotokoll: das Sujet und das protokollierende Subjekt, die Daten und ihre fortwährende Veränderung einerseits – und die »typische Einstellungssequenz, die eine subjektive Perspektive ist« (Pasolini) andererseits.

Unter dieser Optik wird ein Denkmal zum Vexiermonument – nicht allegorisch, nicht symbolisch, sondern vielleicht als Versuch eines plastischen Protokolls, einer Bestandsaufnahme unseres Verhältnisses zu dem, dessen es zu gedenken gilt – und hinsichtlich der Brüchigkeit des Denkmalbegriffs heute ist es auch das Protokoll der Aufgabe der traditionellen Denkmalform und des Bewußtmachens ihres Verlustes.

Statt Denkmal ein »Fragemal« – der Heiligenschein ist zwar die Bankrotterklärung des Goldgrundes der Ikonenmalerei, der Himmel schrumpft zur Schädelaura, wird aber dadurch wieder verfügbar.

»Denkmäler traditioneller Art und Form sind nach diesem Kriege nicht mehr möglich … die Gestalten und Symbole reichen für ein neues Weltverständnis nicht aus. Der Wandel betrifft nicht nur Denkmalsvorstellung und Denkmalsform, er betrifft auch die Geschichte, die Ereignisse selbst und ihre Erläuterung.« (Ladendorf 1963 – Monumenta Judaica).

Porträts von Literaten gehören seit 1958 zum Arbeitsbereich in meiner Werkstatt – bisher entstandene Arbeiten dieser Art sind plastische Dantedarstellungen, Vexierporträts von Gottfried Benn, Allen Ginsberg oder von Jean Genet, Henry Miller, Blaise Cendrars, P.O. Chotjewitz und Pasolini.

Das Angebot Dr. Stefan Kaminskys von der Kundenkreditbank, die Finanzierung für ein Monument in Düsseldorf zu übernehmen, und der richtungsweisende Vorschlag des Galeristen H. J. Niepel, es mit einem Heinrich-Heine-»Denkmal« zu versuchen, waren der äußere Ausgangspunkt.

Seit Juli 1978 begannen unter ständiger Mitarbeit Achim Spyras die ersten Versuche, die Vexiergestalt Heinrich Heines in ein Monument zu fassen – die hierzu gesammelten Daten als Arbeitsmaterial waren Heineschriften, -berichte, Sekundärliteratur, Dokumente aus dem Heine-Institut, Porträtdarstellungen der Zeit, Bilder von Heines Krankheitszustand, Parisbesuche, Zeugnisse seiner Lebensstätten sowie die Totenmaske als unwiderruflichstes Dokument, von Bernd Jansen in einem Fotozyklus realisiert.

Das Heinrich-Heine-Institut unter Dr. Kruse, Dr. Harder vom Heine-Haus in Paris, sowie der Leiter der Heine-Gesellschaft, Professor Gössmann, unterstützten das Vorhaben und ermöglichten Einsichten in Daten und Dokumente.

Es entstanden Skizzen, zeichnerische Arbeitsstudien, Holzschnitte, Reliefs, Ton- und Gipsbozzetti sowie das Gußmodell, dessen Übertragung in Bronze in der Hand des Metallbildhauers und Kunstgießers Raimund Kittl lag.

Der Weg, Heine plastisch zu monumentieren, ging über kleine Vexierporträts erst des jugendlichen, dann des späten Heine. Diese Porträts öffneten den Weg zu einem Lazarusgesicht – zur Sitzfigur – zum Sitzgestell – zur Matratzengruft – zur physiognomischen Vexierlandschaft – einem Vexiergesicht in Bronze, von dem sich Gesichtspartien teilweise zu lösen, zu versinken oder teilweise aufzusteigen scheinen, innerhalb und außerhalb eines Bronzegestänges, das assoziativ Erinnerungen an die Bezeichnung eines magischen Bezirks, Gruft, Grab, Schrein wachrufen könnte – vielleicht eine Plastik auf den Spuren einer literarischen Passion. Heines »Name ist ein Ärgernis, und nur wer dem ohne Schönfärberei sich stellt, kann hoffen …« (Th. Adorno).

Bozzetto Vexierporträt Heinrich Heine oder ein Lazarusgesicht III von 1978

Die Werkstattnotiz wurde in der kostenlosen Begleitbroschüre zur Denkmalserrichtung veröffentlicht:

Presseamt der Landeshauptstadt Düsseldorf (Hg.): Bert Gerresheim. Das Düsseldorfer Heine-Monument, Düsseldorf 1981, S. 4f.

Weitere Fotos zu den Arbeiten rund um das Heinrich-Heine-Monument finden Sie hier.

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